Freitag, 30. April 2021

Machtstolz

Reinhold Niebuhr schreibt: 

"Der zweite Gestalt des Machtstolzes [En. "pride of power"] wird noch offensichtlicher durch das Gefühl der Unsicherheit angeregt. Es ist die Sünde derer, die nach ausreichender Macht suchen, um ihre Sicherheit zu bewahren, weil sie sich ihrer eigenen Unsicherheit bewusst sind. Diese durch Macht gesuchte Sicherheit kommt immer auf die Kosten vom anderen Leben. 
Es ist besonders die Sünde der fortschreitenden Bewegungen in einer Gesellschaft, die sich von dem existierenden Etablissement unterscheiden. Unter denen, die weniger offenbar sicher sind, was soziale Anerkennung, oder wirtschaftliche Stabilität, oder gar körperliche Gesundheit betrifft, kommt die Versuchung diese Unsicherheit zu überwältigen, oder zu tarnen, indem man sich noch mehr Macht aneignet."

Seine Einsicht hilft mir die Dynamik unserer Gesellschaft besser zu verstehen. Auch die Dynamik in der Gemeinde. Ja, auch die Dynamik in meinem Herzen. Niebuhr schreibt weiter über den Zusammenhang zwischen Machtstolz und dem Tod:

"Wir haben provisorisch zwischen dem Stolz unterschieden, der die menschliche Schwachheit nicht wahrnimmt, und dem Stolz, der nach Macht sucht, um eine wahrgenommene Schwäche zu überwältigen oder tarnen. Wir versucht den ersten Stolz den etablierten und traditionell anerkannten Gesellschaftsgruppen zuzuordnen, und den Zweiten den unsicheren, also weniger etablierten Gruppen. 

Diese Unterscheidung ist nur gerechtfertigt insofern, dass man sie als streng provisorisch betrachtet. Tatsächlich werden der stolzeste König und der sicherste Oligarch teilweise dazu getrieben, sich über alle Maßen zu behaupten, durch ein Gefühl der Unsicherheit. 

Das kommt zum Teil davon, dass je größer seine Macht und Herrlichkeit desto unpassender erscheint ihm die gemeinsame Sterblichkeit der Menschen. Deswegen haben die Monarch der Antike, die ägyptischen Pharaonen, die Ressourcen ihres Reiches ausgeschöpft, um die Pyramide zu bauen, die ihre Unsterblichkeit beweisen oder bewirken sollten. 

Die Ängst eines normalen Sterblichen vor dem Tod ist also eine große treibende Motivation hinter den Behauptungen und dem Ehrgeiz der größten Herrscher."

Reinhold Niebuhr, The Image and Destiny of Man, Bd I, s. 203-205.

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